Verbesserungen
dringend notwendig – und möglich
Zur
Brustkrebstherapie in die USA?
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Bühl,
21. März 2003 – Von
den knapp 50.000 Frauen, die jährlich in Deutschland an Brustkrebs
erkranken, überleben nur etwa 60 Prozent – im Vergleich zu 74
Prozent in Schweden und den USA viel zu wenig. Aber welche Möglichkeiten
gibt es, die Situation in Deutschland zu verbessern? Darüber diskutierten
die renommierten deutschen Onkologen Professor Dr. Rolf Kreienberg,
Ulm, und PD Dr. Michael Untch, München. Ihr Fazit: Verbesserungsmöglichkeiten
sind vorhanden. So könnten durch die generelle Einführung von
neuen Medikamenten wie zum Beispiel dem Eibenwirkstoff Taxol ®
„etwa 800 Patientinnen pro Jahr zusätzlich gerettet werden“, äußerte
sich Untch zuversichtlich.
Keine
Heilung ohne Früherkennung. Das gilt nach wie vor auch für
Brustkrebs. In den USA sind die Heilungschancen in den letzten
Jahren kontinuierlich gestiegen – vor allem, wenn der Tumor im
Frühstadium diagnostiziert und richtig behandelt wird. Dann hat
eine Frau den Kampf gegen den Brustkrebs schon fast gewonnen. Doch
nicht nur die Früherkennung in den USA hat sich verbessert, zum
Beispiel durch qualitätsgesicherte Programme wie dem
Mammographie-Screening. Auch die Therapie wird individueller nach
den Risikofaktoren der einzelnen Patientin abgestimmt. Neue
medikamentöse Maßnahmen finden nach erfolgreicher Anwendung in
Studien zügig den Weg in die Therapie. Denn: Was heute in Studien
stattfindet, ist morgen Standard.
„In
Deutschland entsprechen in den meisten Kliniken weder die Früherkennung
noch die Therapie den modernen, internationalen Kriterien“, kritisierte
Professor Kreienberg, Ärztlicher Direktor der Abteilung Frauenheilkunde
und Geburtshilfe an der Universität Ulm. „Bei uns wird noch immer
über den Sinn eines flächendeckenden Mammographie-Screenings diskutiert.
Brusttumore werden meist erst ab einer Größe von mehr als zwei
Zentimetern entdeckt und neue Erkenntnisse nicht schnell genug
in die Praxis umgesetzt. In der Chemotherapie kommen Wirkstoffkombinationen
zum Einsatz, die nicht neuestem Wissen entsprechen – obwohl internationale
Standards seit längerem wirksamere Therapien empfehlen.“
Deutschland
am unteren Ende der Erfolgsskala
Die
Folge: Mit 40 Prozent und damit einer um 14 Prozent höheren Sterblichkeitsrate
als in den USA ist Deutschland nur auf Platz sieben unter den
größten Industrienationen zu finden. Nur die Frauen in Italien
(41 Prozent), Großbritannien (43 Prozent) und Spanien (46 Prozent)
sind noch schlechter dran.
Sollen
deutsche Patientinnen also zur Behandlung in die USA? Privatdozent
Dr. Michael Untch, Leitender Oberarzt der Frauenklinik im Klinikum
Großhadern, München: „Das müssen sie nicht. Wir sind imstande,
eine gute Qualität zu liefern. Gesichert ist die Therapiequalität
in den derzeit etwa 60 Brustkrebszentren. Hier werden auch Studien
durchgeführt. Allerdings profitieren davon bisher nur fünf Prozent
der Frauen.“
Im
Rahmen der fünf Säulen der Brustkrebsbehandlung (Operation,
Bestrahlung, Hormon-, Antikörper- und Chemotherapie) zeigen sich
in den letzten Jahren durch intensive Forschungen folgende
Ergebnisse:
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In frühen Brustkrebsstadien ist die Operation nach wie vor
die erste Therapiemethode. Allerdings ermöglichen bessere
Techniken und eine präoperative Chemotherapie heute bei 70 von
100 Frauen eine Brusterhaltung. Die Brust zu entfernen sollte die
– gut begründete – Ausnahme sein.
-
Die Achsel-Lymphknoten müssen heute nicht mehr automatisch
entfernt werden. Die pathologische Untersuchung des Wächter-Lymphknotens
(Sentinel) zeigt, ob die Tumorzellen bis in die Lymphknoten vorgedrungen
sind. Sind im „Wächter“ keine Krebszellen, bleiben die Lymphknoten
erhalten.
-
Die adjuvante (vorsorgliche) Chemotherapie erhöht die Überlebensraten
deutlich. Mit dieser, den ganzen Körper betreffenden, Behandlung
ist es möglich, nach einer Operation auch kleinste im Körper
verbliebene Tumorzellen abzutöten.
-
Die klassische 3er-Kombination Cyclophosphamid, Methotrexat
und 5-Fluorouracil, auch CMF-Schema genannt, hilft nach heutigem
Wissen vielen Patientinnen nicht mehr. Neuere Kombinationen aus
Anthrazyklinen, Cyclophosphamid und dem Eibenwirkstoff Paclitaxel
(Taxol®)
sind ihr überlegen.
-
Mehr noch: Im Vergleich zu den Anthrazyklin-haltigen
Kombinationen überleben durch die Behandlung mit Paclitaxel
deutlich mehr Patientinnen. Eine
Publikation im namhaften Journal of Clinical Oncology
(Henderson et al., März 2003) belegt diese Entwicklung: Eine fast
sieben Jahre dauernde Studie mit 3.170 Brustkrebs-Patientinnen mit
befallenen Lymphknoten zeigt, dass jene Frauen, die im Anschluss
an die herkömmliche Kombination aus vier Zyklen Doxorubicin und
Cyclophosphamid zusätzlich vier Zyklen Taxol® erhielten,
einen absoluten Überlebensvorteil von sechs Prozent haben. Das
Risiko, an der Erkrankung zu sterben, vermindert sich um 18
Prozent. Nebenwirkungen waren gut behandelbar, schwere
Komplikationen traten nicht auf.
„Auf
Deutschland bezogen könnte dies bedeuten, dass durch die generelle
Einführung von Taxol®
in
die Behandlung von Mammakarzinom-Patientinnen mit befallenen Lymphknoten
pro Jahr etwa 800 Betroffene zusätzlich gerettet werden könnten“,
so Untch.
Auf
Basis dieser und weiterer aktueller Daten werden in deutschen
Studiengruppen Leitlinien für die Behandlung des Brustkrebses
formuliert. Spezialisierte Zentren mit hoch qualifizierten Ärzten
orientieren sich daran und behandeln ihre Patienten daher nach dem
aktuellen Stand der Forschung. Es sei allerdings schwierig, solche
Zentren zu finden, gab Kreienberg zu.
Beide
Experten appellieren hier auch an die mündige und selbstbewusst
fordernde Patientin. Fundierte Informationen werden von
medizinischen Fachgesellschaften, aber auch von
Selbsthilfegruppen, Initiativen und Patientenorganisationen bereit
gehalten. Letztere beraten auch und setzen sich nachdrücklich für
Qualität und Transparenz der unterschiedlichen Behandlungsmöglichkeiten
ein. Sie sollten übrigens frühzeitig angesprochen werden – am
besten bereits zum Zeitpunkt der Diagnose.